Es gab eine Zeit, da habe ich diesen Satz gehasst.
Wirklich gehasst, mit dieser besonderen Erschöpfungsintensität, die nur möglich ist, wenn man seit Monaten kaum schläft, sich in allem falsch fühlt und trotzdem jeden Tag wieder aufsteht. Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen. Toll. Danke. Sehr hilfreich. Wo bestelle ich das?
Ich war damals depressiv, obwohl ich das lange Zeit nicht so nennen wollte oder konnte. Ich war Mutter eines Kindes, das schrie, wenn es berührt wurde und von dem ich noch nicht wusste, dass seine Hochsensibilität dafür sorgte, dass Berührungen sich für ihn manchmal anfühlten wie Sandpapier auf einer offenen Wunde. Ich selbst war mindestens genauso hochsensibel, ohne es zu ahnen. Wir sind zusammen aus einem Babymassagekurs rausgeflogen, weil mein Sohn einfach nicht aufgehört hat zu schreien. Alle anderen Babys lagen entspannt auf ihren Frotteematten. Meins nicht. Ich auch nicht.
Diese Einsamkeit, die daraus folgte, war eine sehr bestimmte Sorte.
Keine Einsamkeit, die man einfach durch mehr Sozialkontakte behebt. Ich war einsam tagsüber, wenn ich mit meinem Kind allein war und nicht wusste, warum alles so schwer war. Ich war einsam nachts, weil Erschöpfung das Gefühl gibt, man sei der einzige Mensch auf der Welt, der gerade noch wach ist und schon längst nicht mehr funktioniert. Ich war einsam mit meinen Problemen.
Aber auch, und das klingt vielleicht seltsam, einsam mit meiner Freude. Wer versteht schon, dass man gleichzeitig am Boden ist und manchmal trotzdem in sein Kind verliebt, auf eine Art, für die es keine Worte gibt?
Aus dieser Einsamkeit heraus habe ich angefangen zu schreiben.
Einen Blog, der hieß Öko-Hippie-Rabenmütter
Ein Name, der eigentlich schon alles sagte: Ihr da draußen, die ihr genauso seid wie ich, zu viel und falsch und anders und irgendwie trotzdem okay.
Ich wusste nicht, dass aus diesem Blog etwas werden würde. Ich wollte einfach nicht mehr so alleine mit allem sein.
Das ist jetzt elf Jahre her.
Sowas wie Familie
Was ich heute habe, lässt sich schwer in einem Wort beschreiben. Clan trifft es vielleicht am besten — oder Wahlfamilie, wenn man romantisch ist. Eine Gruppe von Menschen, die sich gegenseitig Kinder abholen und betreuen. Die sich Tante und Onkel nennen, ohne es biologisch zu sein. Die wissen, dass man anrufen kann, wenn es einem schlecht geht, und die auch anrufen, wenn es ihnen schlecht geht. Meine Kinder wachsen auf, ohne dass Familie für sie ausschließlich mit Blutsverwandtschaft zusammenhängt.
Das war kein Plan. Das war eine langsame, manchmal mühsame Entwicklung… und es war Arbeit. Harte, oft unsichtbare, meistens schleichende Arbeit.
An mir selbst. An dem, was ich über Bindung und Beziehungen überhaupt gelernt hatte. Oder eben nicht gelernt hatte.
Als Coach erlebe ich heute täglich, was ich damals am eigenen Leib erfahren habe: dass Traumaaufarbeitung einen bestimmten Doppelcharakter hat, den wir gerne unterschlagen. Wir schauen nach innen, verstehen, was uns in unseren Herkunftsfamilien geformt hat. Und das ist wichtig, dieser Blick zurück.
Aber was dabei oft untergeht: Heilung bedeutet nicht nur, das Alte zu verstehen. Sie bedeutet auch, das Neue zu lernen. Neue Bindungsmuster. Ein neues Bild davon, was Familie sein kann und darf. Und das ist nicht weniger schwer als das Verstehen des Alten, vielleicht sogar schwerer.
Das Unbekannte ist erstmal unsicher
Weil das Neue so verdächtig gut ist, dass das Nervensystem ihm einfach nicht glaubt.
Genau das ist mir passiert. Ich habe gelernt, auf die Not anderer zu reagieren, Initiative zu ergreifen, da zu sein, das konnte ich, das kannte ich. Aber selbst da zu stehen und zu sagen: ich brauche gerade etwas, das hat gedauert. Das Nervensystem kommt eben nicht automatisch mit, wenn der Kopf schon längst begriffen hat, dass die Menschen um einen herum gut sind. Sicherheit im Körper entsteht nicht durch Überzeugung. Sie entsteht durch wiederholte Erfahrung, durch kleine Momente, die sich ansammeln, durch die zehnte und zwanzigste und fünfzigste Bestätigung, dass das hier echt ist.
Es gab nicht den einen Moment, an dem ich dachte: jetzt ist er da, mein Clan. Es war eher eine Sammlung von kleineren Erkenntnissen. Der Moment, in dem ich gemerkt habe, dass ich jemandem helfe und nicht zurückrechne. Der Moment, in dem ich etwas gefragt habe und es sich nicht wie Versagen angefühlt hat. Der Moment, in dem mein Kind eine dieser selbstgewählten Tanten umarmte und ich dachte: das. Das habe ich mir damals gewünscht, ohne zu wissen, dass es das geben kann.
Wir dürfen jetzt wählen und sind damit erstmal überfordert
Wir sind eine Generation, die gerade – erstmals so offen, so explizit – über das Trauma in ihren Herkunftsfamilien spricht. Das ist ein Riesengeschenk. Und es bringt eine ganz bestimmte Falle mit sich: Man versteht irgendwann, was einem gefehlt hat, was einem nicht gegeben wurde, wo die Lücken sind. Und dann steht man da, mit diesem Wissen, und fühlt sich manchmal noch einsamer als vorher.
Weil das Verstehen allein noch kein Zuhause ist.
Was viele in diesem Moment vergessen (ich auch, lange), ist, dass zur Traumaintegration auch das Suchen und Bauen neuer Bindungen gehört. Dass man sich neu orientieren darf, in Richtung Menschen, die gut tun. Dass die klassischen Familienfeste, bei denen man mit dem Onkel zusammensitzt, den man hasst, und dem Opa, der gewalttätig war, vorbei sein dürfen. Dass man sich etwas Neues bauen darf. Eine andere Idee von Familie. Eine, die nicht auf Blut oder Pflicht basiert, sondern auf gegenseitiger Wahl.
Das ist keine kleine Sache.
Das ist eine der radikalsten Entscheidungen, die ich je getroffen habe.
Das Dorf kommt nicht von alleine.
Du wirst es dir backen müssen, mit deinen Händen, deiner Zeit, deiner Verletzlichkeit und deiner Bereitschaft, anzufangen, auch wenn du noch nicht weißt, wie das ausgeht. Du wirst Menschen finden, die auch gerade auf der Suche sind. Du wirst Freundschaften schließen, die sich anfangs wie vorsichtige Kooperationen anfühlen und erst mit der Zeit zu etwas anderem werden. Und dein Nervensystem wird brauchen, was jedes Nervensystem braucht, um Sicherheit zu lernen: Zeit, Wiederholung und Erfahrungen, die beweisen, dass das hier real ist.
Ich bin heute Embodiment-Coach, unter anderem weil ich weiß, was es bedeutet, wenn der Körper der Beziehung noch nicht glaubt, die der Kopf schon längst für gut befindet. Dieser Weg, der Weg vom Aliengefühl zur Wahlfamilie, war kein gerader. Aber er hat mich genau dahin gebracht, wo ich elf Jahre zuvor so verzweifelt hinwollte: in die Mitte von Menschen, die ich mir selbst ausgesucht habe. Und die mich, und meine Kinder, wirklich tragen.
Das war es, was ich damals brauchte, als ich diesen Blog angefangen habe.
Ich hab’s nur noch nicht gewusst.
Einen kleinen Einblick, wie so ein Dorf aussehen kann (auch online), kriegst du im Juni 2026 hier: